Seit fast einem viertel Jahrhundert gibt es den Ökumenischen Schülertreff in Tübingen. Ganze Schüler-Generationen haben hier Kaffee getrunken, geschwätzt und politisiert. Doch auch das „Schüli“ geht mit der Zeit und hat sich inzwischen zum Internet-Café gemausert.
Es ist kurz nach neun an einem verregneten Dienstagmorgen. Wenig los heute um diese Zeit im Schülercafé in der Tübinger Neckarhalde. An den Wänden hängen Plakate, auf dem Tresen liegen Flyer mit Infos zu Beratungsstellen und Veranstaltungen, in einem Ständer an der Wand gibt es verschiedene Tageszeitungen.
Hinter der Theke steht Martin Drumm, seit zehn Jahren Dreh- und Angelpunkt des Schüli, wie der Ökumenische Schülertreff von seinen jugendlichen Besuchern liebevoll genannt wird.
Marius ist da, Dreizehntklässler aus dem benachbarten Kepler-Gymnasium, und Bettina vom Wildermuth-Gymnasium gleich um die Ecke. „Eigentlich schreibe ich grad eine Arbeit im Chemie-LK, aber ich hab früher abgegeben, weil ich eh nicht durchgestiegen bin“, erzählt die 20-Jährige, die kurz vor dem Abi steht. „Na ja, eine Arbeit darf man auch mal verhauen“, meint sie dann achselzuckend. Seit fünf Jahren kommt Bettina ins Schüli. Zwei- bis dreimal am Tag. „Das Schüli ist mein Ess- und Wohnzimmer, meine zweite Heimat“, schwärmt sie, bevor sie wieder Richtung Schule verschwindet. „Ich komm’ so drei- bis viermal die Woche vorbei“, sagt Marius, „Immer, wenn ich Freistunden hab’.“
So fing alles an mit dem Schüli – damals Ende der siebziger Jahre: Mit der Oberstufenreform hatten die älteren Schüler plötzlich viele Hohlstunden, aber kaum Möglichkeiten, diese sinnvoll zu verbringen. Zwei Pfarrar waren es, die die Idee zu einem Schülertreff in die Tat umsetzten: der damalige evangelische Jugendpfarrar Wolfgang Becker und der katholische Dekanatsjugendseelsorger Wolfgang Kramer. Die evangelische Gesamtkirchengemeinde stellte einen Raum in einem ihrer Häuser in der Neckarhalde unweit der drei Innenstadt-Gymnasien zur Verfügung. Rund 30 Schüler beteiligten sich im Dezember 1978 und Januar 1979 unter der Anleitung eines Zivildienstleistenden an den Renovierungsarbeiten, strichen Wände, verlegten einen Teppichboden, lackierten die Theke und die Barhocker. Am 15. Januar 1979 wurde der Schülertreff dann offiziell eröffnet.
Mehrere Schüler-Generationen sind seither im Schüli ein- und ausgegangen. Unter ihnen auch ihr jetziger Leiter, der Sozialpädagoge Martin Drumm. Der 39-Jährige versteht sich als Koordinator und Ansprechpartner für die Jugendlichen. Der Cafébetrieb läuft auf Selbstbedienungsbasis. Jeder zahlt seine Getränke in die Kasse ein und bedient sich nach Belieben mit Kaffee, belegten Brötchen und Butterwecken. „Brötchen und Wasser gibt es bei uns kostenlos“, erklärt Martin Drumm schmunzelnd. Möglich macht dies die großzügige Spende einer Bäckerei, die das Brot vom Vortag kostenlos ans Schülis abgibt. Eine grosse Tasse Kaffee kostet 80 Cent, genau wie ein Becher Milch. „Ziemlich teuer“ , meint Marius. Die Tiefkühlpizza, die sich die Besucher mittags für zwei Euro in den Ofen schieben können, finden die meisten Gäste okay. Zehn bis 20 Liter Kaffee werden an einem Tag im Schüli durchschnittlich gekocht. Wenn der Sozialarbeiter, den alle Martin rufen, mal keine Zeit hat, setzt auch einer der Besucher die Kaffeemaschine in Gang. Und wenn Martin eine Besorgung zu machen hat oder sich mit einem Jugendlichen zu einem Gespräch zurückzieht, übernimmt wie selbstverständlich einer der Besucher den Thekendienst. Gegen Freigetränk, versteht sich.
Finanziert wird die Arbeit von der evangelischen und katholischen Gesamtkirchengemeinde, der Stadt Tübingen und dem Landkreis. Rund 2000 Euro pro Jahr erwirtschaftet der Cafébetrieb. Der Erlös fließt in die nächste Kalkulation mit ein. Neben dem hauptamtlichen Sozialarbeiter beschäftigt das Schüli meist einen Halbjahrespraktikanten, zurzeit den 25-jährigen Elvis, der danach eine Ausbildung zum Erzieher machen will.
Stehen Renovierungen an, packen auch die Schüler mit an. So können die Investitionskosten gering gehalten werden und das Ambiente entspricht dem Geschmack seiner Besucher: Bunte Graffiti Schmücken die Wände im Raucher- und Kickerzimmer. „Das hier ist eine Mischung aus Schülercafé und Jugendhaus“, sagt Marius. „Also alle Leute würd’ ich hier nicht mit her bringen. So Leute mit Stil“, meint Marius mit Blick auf das alternative Ambiente des Schülis.
50 bis 80 Schüler schauen an einem Tag im Café vorbei. Die meisten davon gehören zum Stammpublikum. Auf rund 150 Leute beziffert Drumm den harten Kern. „Vor ein paar Jahren waren es noch mehr, um 300 bis 400 Jugendliche. Aber mit der neuen Oberstufenreform haben die Schüler nicht mehr so viele Freistunden.“
„Beziehungorientierte offene Jugendarbeit“ nennt Drumm seine Arbeit im Fachjargon. „Am Tresen erfährst du so manches ganz locker.“
„Erst wenn man die Leute länger kennt, erfährt man etwas über ihre Probleme“, weiß der Sozialpädagoge.
Besonders gerne diskutiert der Alt-Linke über Politik. Die jugendlichen Besucher nehmen’s gelassen. „Mich beeinflusst er nicht“, gibt sich Marius selbstbewusst. Doch Drumm geht es nicht darum, die Jugendlichen in eine bestimmt politische Ecke zu drängen, sondern sie dazu zu bringen, sich mit ihrem Leben – und dazu gehört auch die Politik – auseinander zu setzen. Veranstaltungen mit Kommunalpolitikern oder Landtagsabgeordneten werden auch geboten. Aber auch ganz unpolitische Hip-Hop-Feten stehen auf dem Programm des Schüli. Manche der Besucher wollen aber nur eine halbe Stunde Tischkicker spielen, treffen sich im Raucherzimmer auf einen Schwatz oder eine Runde Skat.
Ursprünglich gedacht für Oberstufenschüler hat das Schüli seinen Besucherkreis längst ausgeweitet. Der 13-jährige Jannik verbringt seine Mittagspausen häufig im Treff. Dreimal die Woche hat der Siebtklässler Nachmittagsunterricht und weil er aus einem Stadtteil kommt, kann er über Mittag nicht nach Hause fahren. So kommt er ins Schüli und vertieft sich eine Weile in einen der ausliegenden Comics oder surft im Internet. Das Internet lockt auch Ingrid ins Café. Die 16-jährige Auszubildende zur Fachverkäuferin hat zu Hause keinen eigenen Internetzugang. So nutzt sie einen der drei Computer, um ihre E-Mails abzurufen oder für einen kleinen Chat.
„Unsere Computerecke hat eine enorme Anziehungskraft“, erzählt Joachim Walliser. Der Student der Politik und Soziologie und freiberuflicher IT-Fachmann lebt im Haus über den Räumen des Schülertreffs. So ergab es sich ganz zwanglos, dass Walliser das Computer-Netzwerk im Haus aufbaute und die Webseite des Schülis gestaltete. Bezahlt wird der Experte aus Projektmitteln des Landkreises. „Doch mache ich diese Arbeit hier zu Sonderkonditionen“, sagt Walliser. Einige Besucher hat er geschult, so dass diese jetzt eigenständig die Website pflegenund stets auf dem neuesten Stand halten.
Inzwischen kommen nicht nur Schüler der benachbarten Gymnasien, sondern auch Jugendliche aus der Stadt zum Surfen und Chatten ins Internetcafé. „Viele Migrantenkinder, die daheim keinen eigenen PC haben“, berichtet Walliser.
Auch sonst ist das Publikum im Schüli bunt gemischt. Flüchtlinge, die einen Termin im Asylzentrum haben, das im gleichen Haus untergebracht ist, kommen auf einen Kaffee vorbei, genauso wie Beschäftige der Arbeitsloseninitiative, die ein Stockwerk höher ihre Räume hat. Der Verband binationaler Familien und Partnerschaften (IAF) hat auch ein Büro im Haus. Dort darf das Schüli seine Getränke lagern und das Telefon nutzen. Dafür bekommen die Mitarbeiter der IAF kostenlos Kaffee und Brötchen vom Schüli.
Täglich – außer am Wochenende und in den Ferien – hat das Schülercafé von 8 – 15 Uhr geöffnet (nicht mehr ganz aktuell, Anm.d. Webmasters) , danach übernimmt das Asylzentrum die Räume. Zweimal wöchentlich gibt es auch einen Schüli-Abendtreff, der von Ehrenamtlichen geleitet wird. Hauptsächlich Ehemalige kommen zu diesen Veranstaltungen.
Denn die Schüli-Zeit lässt sich offensichtlich nicht so einfach ablegen wie die Schulzeit. Selbst vormittags schaut noch so mancher Student und Zivi herein. Christian, 21 Jahre alt, hat bereits vor zwei Jahren Abi gemacht. Jetzt studiert er Englisch und Geschichte. Doch bevor er zum Literatur-Seminar an die Uni eilt, geht er erst mal zum Frühstücken ins Schüli. Warum zieht es ihn immer noch hierher? „Wo gibt es sonst einen so billigen guten Kaffee in der Stadt?“, fragt er. Und außerdem: „Ich komm mit den ganzen Leuten hier gut klar.“
Gerlinde Wicke-Naber ist Journalistin in Tübingen
aus Konsequenzen Nr. 2/2003